Stadt Angerland / Angerstadt

Das Amt Angerland und die kommunale Neugliederung

Hatte die Landesregierung in der ersten Neugliederungsphase vor allem die Abschaffung von „Zwerggemeinden“ und die Schaffung leistungsfähiger Kommunen im Blick, legte sie im Rahmen des zweiten Neugliederungsprogrammes ab 1970 den Fokus vor allem auf größere Einheiten. Durch diese Tendenzwende waren die sechs Angerland-Gemeinden – Angermund, Wittlaer (beide heute zu Düsseldorf gehörig) sowie Breitscheid, Eggerscheidt, Hösel und Lintorf (heute zu Ratingen gehörig) – unmittelbar betroffen. Verschärft wurde die Situation noch durch die exponierte Lage zwischen expansionsinteressierten Großstädten: Düsseldorf, Duisburg und Mülheim waren vor allem an einer Eingemeindung der direkten Nachbarn Wittlaer, Angermund und Breitscheid interessiert.

Fest stand, dass die Ämterstruktur nach dem Willen von Gutachterkommission und Landesregierung zukünftig abgeschafft werden würde. Eine kommunale Selbständigkeit war nach den Grundsätzen von Gutachten B, das für Gemeinden der Ballungsrandzone mindestens 30.000 Einwohner vorsah, jedoch für keine der sechs Gemeinden einzeln umsetzbar. Einzige Möglichkeit war der Zusammenschluss zur Großgemeinde.

 

Bildung der Großgemeinde „Stadt Angerland“

Anders als das benachbarte Amt Hubbelrath, das keine Aussicht darauf hatte, zukünftig als Großgemeinde zu überleben, waren die Angerland-Gemeinden sehr wohl dazu in der Lage, sich nach der Auflösung ihrer Amtsstruktur zusammenzuschließen. Ihr Argument: der Verbund der sechs Gemeinden Angermund, Breitscheid, Eggerscheidt, Hösel, Lintorf und Wittlaer hätten bis 1980 prognostiziert zusammen rund 35.000 Einwohner. Eine Stadt „Angerland“ böte alle wichtigen Versorgungseinrichtungen einer Ballungsrandzonengemeinde und eine zentrale und funktionstüchtige Verwaltung im Siedlungsschwerpunkt Lintorf.

Entsprechend eines Innenminister-Erlasses vom 16. Oktober 1967 zur Förderung von freiwilligen Zusammenschlüssen, liefen schon früh Beratungen in den jeweiligen Gemeinderäten und in der Amtsvertretung zur Bildung einer Großgemeinde Angerland. Auf der Basis entsprechender Grundsatzbeschlüsse wurde ein Gebietsänderungsvertrag entworfen, der im März und April 1969 in allen Räten verabschiedet werden konnte. In ihm wurden sämtliche Bereiche der kommunalen Daseinsfürsorge bedacht und zentralisiert und Lintorf als Mittelpunkt der Gemeinden bestätigt. Nach erfolgter positiver Stellungnahme der beteiligten Behörden wurde der Gebietsänderungsvertrag am 19. Mai 1970 von Oberkreisdirektor Günther Nothnick unter Zustimmung des Kreisausschusses genehmigt. In der Begründung hieß es u. a.: „Der Vorteil der Bildung einer Gemeinde aus den bisherigen amtsangehörigen Gemeinden des Amtes Angerland liegt — ganz abgesehen von der kostensparenden Verwaltungsvereinfachung — in der Zusammenfassung eines einheitlich strukturierten Raumes innerhalb der Ballungsrandzone. Die Ziele der Landesplanung und von Entwicklungsprogrammen lassen sich unter einheitlicher Verwaltung leichter in die Tat umsetzen. Diese raumordnerischen Zielsetzungen sind hier — neben der Stärkung der Wirtschafts- und Leistungskraft — die Erhaltung eines zusammenhängenden, großflächigen und landschaftlich überaus reizvollen, großstadtnahen Erholungsgebietes, von dem Teilbereiche im Gebietsentwicklungsplan (…) als ‚Erholungsgebiet mit besonderer Funktion‘ dargestellt sind.“

Zwischen Juli 1969 und Mai 1970 wurde von keiner Seite Einwand gegen die Planung einer Stadt Angerland erhoben. Weder die zuständigen Gerichte, noch die Oberpost- oder die Bundesbahndirektion hatten Eingaben hinsichtlich der geplanten Zusammenlegung. Die Landesplanungsgemeinschaft Rheinland teilte sogar in ihrer am 8. Mai 1970 eingegangenen Stellungnahme mit, dass eine gemeinsame Gemeindeverwaltung vorteilhaft wäre, „um der Gefahr der weiteren Zersiedelung wirksamer begegnen zu können“. Zur Ausführung indes kam es nicht mehr — was war passiert? Ein zwischenzeitlich erfolgter „Stop-Erlass“ des Innenministeriums ordnete die Einstellung freiwilliger Neugliederungen an, zu denen auch die Bestrebungen der Angerland-Gemeinden zählte! 

Der Landtagsabgeordnete Wilhelm Droste (1933-2020), der auch politischer Vertreter des Amtes und der Gemeindeparlamente war, bemühte sich hartnäckig, Landtag und Kommissionen von den Vorteilen des Angerlandes zu überzeugen. Allerdings hatte das Land mittlerweile andere Pläne für die Region: Wittlaer sollte zu Düsseldorf, Angermund zu Duisburg, Breitscheid zu Mülheim und die Gemeinden Eggerscheidt, Hösel und Lintorf zu Ratingen eingemeindet werden.

Um das Ziel der Selbständigkeit doch noch zu erreichen, wurden Anfang der 1970er Jahre keine Kosten und Mühen gescheut. Von einem Großteil der Angerländer Bevölkerung getragen und unter der Ägide des Landtagsabgeordneten Droste wurde an dem (Gegen-)Vorschlag festgehalten, in einer neuen Stadt „Angerland“ vereint, statt nach dem Willen der Landesregierung zerschlagen und auf die umliegenden Großstädten verteilt zu werden. 

 

Beauftragung Planungsbüro Dr. Peters

Mitte Mai 1972 beauftragten die beiden Amtsfraktionen CDU und FDP das Büro für politische Planung, Beratung und Werbung Dr. Werner Peters aus Bonn, sie mit Blick auf das Vorhaben zu beraten und zunächst zu untersuchen, ob und wie eine Großgemeinde Angerland umgesetzt werden könne. Dr. Peters kam in seiner Analyse zu dem Schluss, dass die Schaffung einer Großgemeinde unter rein verwaltungswissenschaftlichen Gesichtspunkten möglich und auch die politischen Chancen ausreichend seien, dass es jedoch einer konzentrierten und intensiven Werbung bedürfe, um sowohl die Bevölkerung als auch die Entscheider der beteiligten Behörden für die Idee zu gewinnen.

Am 27. September 1972 wurde das Büro Dr. Peters per Dringlichkeitsbeschluss schliesslich beauftragt, „alle wichtigen Argumente für die Großgemeinde Angerland in sprachlich und graphisch eingängiger Aufmachung durch eine wissenschaftlich und politisch profilierte Persönlichkeit zur sachlichen Unterstützung der politischen Arbeit“ zusammenzustellen. Als Sprecher für das Vorhaben trat gegenüber der Landesregierung der Abgeordnete Wilhelm Droste auf, der in Personalunion Bürgermeister von Hösel und des Amtes Angerland war.

Unter Hochdruck wurden nun Strategien entwickelt, die folgende Ziele verfolgen sollten:

  1. Das Vorhaben musste eine tragfähige Basis und Unterstützung innerhalb der Angerländer Bevölkerung haben. Daher mussten die Menschen umfassend über die Neugliederung und die damit für sie verbundenen (negativen) Entwicklungen informiert werden.
  2. Innerhalb des Landtages musste ein Bewusstsein für den Antrag und eine breite Basis der Sympathie für das Angerland geschaffen werden.
  3. Und es mussten die Entscheidungsträger innerhalb der Fraktionen für die Ziele der Großgemeinde durch intensive persönliche Informationsarbeit gewonnen werden.

 

Als erstes entwarf das Büro Dr. Peters den „Angerländer Schmetterling“, der fortan als Symbol der Kampagnen diente. Er stand für die Grenzen der zukünftigen Großgemeinde, die, verbindet man die Gemeinden symbolisch miteinander, die Form eines Schmetterlings ergaben. Dieses Symbol sollte nicht nur aus der Flut an Informationen zur kommunalen Neugliederung herausstechen, sondern vor allem die Aufmerksamkeit auf die Schönheit der Region lenken. 

Danach stellte Dr. Peters auf 37 Seiten „Daten, Fakten, Argumente für die Schaffung einer Großgemeinde Angerland“ zusammen und versendete diese im November 1972 an leitende Mitarbeiter im Innenministerium. Hier wurden Problemstellung und Zielsetzung sowie alle Sachargumente für die Schaffung einer Großgemeinde Angerland dargestellt.

Im Dezember 1972 legte das Büro Dr. Peters dann die Detailplanung für eine PR-Aktion vor. Es empfehle sich, so Dr. Peters, eine „intensive Werbekampagne bei den Abgeordneten des Landtags, den zuständigen Behörden, der regionalen und überregionalen Presse“. Als unmittelbares Ziel sei angestrebt, „durch einen überraschenden Einfall und humorvolle Ansprache Neugier, Aufgeschlossenheit und Sympathie zu erwecken“. Die Idee war, dass Hostessen „mit ein paar verbindlichen Worten“ vor dem Landtag den eintretenden Abgeordneten ein kleines Fläschchen mit „guter Luft aus dem Angerland“ überreichen sollten. Außerdem sollte die Warenprobe mit der Angerländer Luft „allen anzusprechenden Persönlichkeiten in den Behörden und der Presse“ zugesendet werden, „die mit dieser Aktion nicht direkt zu erreichen sind“.

 

 

Als flankierende Maßnahme wurden zwei weitere Broschüren entwickelt, die das Hauptaugenmerk auf die Erhaltung der Freiflächen zwischen den Ballungsgebieten in den Mittelpunkt rückte. Damit spielte das Planungsbüro quasi als Trumpfkarte die Geschlossenheit der Erholungslandschaft Angerland aus, die die Menschen mit den Begriffen „grün“ und „Freiheit“ emotional erreichen sollte. Anfang Februar 1973 wurde die achtseitige Broschüre „Die Grüne Freiheit. Entscheidung für die Großgemeinde Angerland“  in hoher Auflage gedruckt und an alle Haushalte ausgegeben. Außerdem entstand eine 24-seitige Broschüre „Stadt Angerland. Die grüne Freiheit“, welche Landtagsabgeordnete, Ministerialbeamte sowie „sonstige Prominenz“ als Zielgruppe hatte.

Kurz vor der entscheidenden, zweiten Lesung im Juni 1974 wurde dann eine weitere Broschüre publiziert, die sich ebenfalls direkt an die Landtagsabgeordneten wandte. Mit dem Titel „Kommunale Neuordnung — ausgerichtet auf die Zukunft!“ wurde die Frage aufgeworfen, wie das Angerland in Zukunft aussehen solle. Der Einleitungstext wandte sich direkt an die Landtagsabgeordneten, um deren Stimme nochmals geworben wurde: 

„Bei Ihnen, den gewählten Landtagsabgeordneten, liegt die Entscheidung über „Sein oder Nichtsein“ im wahrsten Sinne des Wortes. Es geht bei der Entscheidung für oder gegen die Stadt Angerland nicht lediglich um den Wunsch einiger Gemeinden, nicht getrennt zu werden, sondern hier steht auch die Frage nach der zukünftigen Entwicklung der Großstädte ringsum zur Debatte. Diese sind sich heute schon so nahegerückt, daß nur wenige Freiflächen die Stadtgrenzen trennen. Das Angerland hat hier eine der wichtigsten Aufgaben überhaupt: den ohnehin immer enger werdenden Freiraum zu erhalten. Es liegt bei Ihnen, die Weichen für eine Weiterentwicklung in die Richtung zu stellen, die vom Angerland in seinen 44 Jahren gemeinsamer Verwaltung vorgezeichnet worden ist. Es liegt bei Ihnen, ob Sie für ein gesundes Gemeinwesen mit einer zentralen Aufgabenstellung und guter Ausstattung oder für noch mehr vernachlässigte Stadtrandgebiete votieren. (…) Helfen Sie mit, die „Grüne Freiheit“ Angerland zu erhalten!“

 

Um die Öffentlichkeit zu mobilisieren, entwickelte nicht nur das Büro Dr. Peters im Laufe des Jahres 1973 zahlreiche weitere Aktionen, wie z. B. einen Autoaufkleber in Schmetterlingsform, mit dem man die Verbundenheit mit dem Angerland zeigen konnte, oder einen Fotowettbewerb zu den schönsten Motiven des Angerlandes. Auch die Bürgerinnen und Bürger selbst wurden aktiv: So organisierten Angermunder Vereine eine Bürgerbefragung betreffs der geplanten Eingemeindung nach Duisburg, an der 91,74 % der wahlberechtigten Angermunder teilnahmen. Im Ergebnis votierten 97,68 % für die Bildung einer Stadt Angerland. Jugendliche (u. a. Junge Union Lintorf) fertigten Plakate, die im gesamten Angerland verteilt wurden, und Bürgerinitiativen ließen weitere 1.500 Leuchtplakate und 15.000 Handzettel drucken. Zusammen mit der „Rhythmusgruppe Breitscheid“, die extra einen „Angerland-Song“ getextet hatte, zog Wilhelm Droste im Frühjahr 1973 durch das Amt, um Werbung für die Großgemeinde Angerland zu machen. 

 

Die entscheidende Phase: Sommer 1974

Fast wären alle Bemühungen erfolgreich gewesen: In der zweiten Lesung des Düsseldorf-Gesetzes am 12. Juni 1974 stand auch der Änderungsantrag, die Gemeinden des Amtes Angerland anstelle der Aufteilung auf die umliegenden Städte Düsseldorf, Duisburg, Mülheim an der Ruhr, Heiligenhaus und Ratingen zu einer neuen Stadt Angerland zusammenzuschließen, zur Abstimmung. Nachdem die Abstimmung per Handzeichen nicht eindeutig war, wurde über den Antrag mit Hilfe eines so genannten Hammelsprungs entschieden und der Antrag schliesslich mit 95 zu 86 Stimmen bei zehn Enthaltungen angenommen. Und obgleich es also vorübergehend eine Mehrheit für den Antrag gab, wurde diese bei der dritten und entscheidenden Lesung am 8. Juli 1974 nicht mehr erreicht. Stattdessen sollte Breitscheid nach Mülheim, Angermund nach Duisburg sowie Lintorf, Hösel und Eggerscheidt nach Ratingen eingemeindet werden. Gleichzeitig wurden die Änderungsanträge eingebracht, Angermund nach Düsseldorf statt nach Duisburg und Breitscheid nach Ratingen statt nach Mülheim einzugliedern. Die Anträge betreffend die Eingliederung von Angermund nach Düsseldorf und von Breitscheid nach Ratingen wurden angenommen, die Bildung der Großgemeinde Angerland war damit hinfällig.

Am 31. Dezember 1974 wurde das Amt Angerland durch das Düsseldorf-Gesetz offiziell aufgelöst. Zum 1. Januar 1975 wurden Angermund und Wittlaer mit Kalkum und Bockum nach Düsseldorf eingemeindet und die Gemeinden Breitscheid, Eggerscheidt, Hösel und Lintorf Teil der neu gebildeten Stadt Ratingen im Kreis Mettmann. 

 

Broschüre zur Kampagne

Zusammenfassung

Inhalt

Einordnung

Epoche(n):

  • 1945 - 1974

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					Andrea Niewerth, Stadt Angerland / Angerstadt, in: Kreislexikon Mettmann, abgerufen unter: https://kreislexikon-mettmann.de/orte/gemeinden/stadt-angerland-angerstadt/ (abgerufen am 14.12.2025)
				
			
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